Steno entziffern - Transkription kurzschriftlicher Dokumente

     

    Immer wieder erreichen uns Anfragen von Privatpersonen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Museen und anderen Institutionen, die um Hilfe bei der Übertragung von stenografisch abgefassten Schriftstücken bitten. Oft handelt es sich bei den verwendeten Kurzschriften um historische, heute nicht mehr verwendete Systeme, für die es deutschland- und europaweit nur sehr wenige Spezialisten gibt.

     

    Dabei ist zu bedenken, dass für den deutschen Sprachraum fast 800 unterschiedliche Kurzschriftsysteme nachgewiesen sind. Deshalb ist schon zur Erkennung und Einordnung des angewandten Stenografiesystems die Hinzuziehung eines Experten erforderlich.

     

    Die Bestimmung des genutzten Systems nehmen wir für Mitglieder der Forschungsstätte kostenlos vor. Bei externen Anfragen sind wir gegen eine Gebühr in Höhe von 30 € gerne bereit, das betreffende System für Sie zu identifizieren. Senden Sie uns hierzu per E-Mail ein bis zwei eingescannte Musterseiten Ihrer Vorlage in guter Qualität. Geben Sie uns außerdem bitte das Geburtsjahr und den Geburtsort des Verfassers der Handschrift sowie Zeit und Ort seines Schul- und ggf. Hochschulbesuchs an. Auch weitere Hintergründe zur Entstehung des Stenogramms sind sinnvoll. Damit wenden Sie sich bitte an:

     

    Am kostengünstigsten ist es, wenn Sie das verwendete Kurzschriftsystem anschließend selbst erlernen. Hierzu stellen wir Ihnen aus den Beständen der bei uns angesiedelten Deutschen Bibliothek für Kurzschrift gerne geeignetes Lehrmaterial zur Verfügung. Viele Systeme lassen sich schon innerhalb einiger Wochen erlernen. Rechnen Sie dennoch mit einiger Mühe. Der Weg bis zur Beherrschung eines komplexereren Kurzschriftsystems (insbesondere in stark gekürzter Form) kann ähnlich aufwendig sein wie das Erlernen einer Fremdsprache.

     

    Erscheint Ihnen diese Vorgehensweise ungeeignet, sind wir bereit, Ihnen einen Experten zur Entschlüsselung des betreffenden Stenosystems zu vermitteln, der Ihre Aufzeichnungen übertragen kann. Auch Experten können diese Unterlagen jedoch nicht fließend herunterlesen, da es nicht ihr Muttersystem ist. Außerdem schrieben die Verfasser stenografischer Unterlagen oft nicht völlig systemgerecht oder haben für ihre Zwecke und Fachgebiete eigene Kürzel gebildet und individuelle Kürzungen verwendet. Ausschlaggebend für den zeitlichen Aufwand sind neben Art und Schwierigkeitsgrad des verwendeten Systems z. B. auch die Deutlichkeit der Schrift, die zugrunde liegende Thematik, der Kürzungsgrad, die individuelle Handschrift und der Grad der Kurzschriftbeherrschung des Verfassers (Fehlerhäufigkeit).

     

    Für die am häufigsten auftauchenden Kurzschriftsysteme hat die Forschungsstätte einen Kreis von Experten aufgebaut. Da diese Experten ihre Arbeitszeit nicht kostenlos zur Verfügung stellen können, kommen je nach Umfang und Anspruch des Materials schnell erkleckliche Arbeitszeiten (und damit auch Honorare) zusammen.

     

    Bitte erlauben Sie uns einen Rat: Häufig sind private stenografische Aufzeichnungen (persönliche Notizen, Tagebücher) vom Verfasser nicht für andere Augen bestimmt gewesen. Überlegen Sie sich daher, wie Sie im Sinne des Verfassers verfahren wollen. In einigen Fällen kann die Privat- oder gar Intimsphäre des Verfassers massiv berührt sein. Es gibt Fälle, bei denen die Auftraggeber im Anschluss bereuten, derart Persönliches übertragen lassen zu haben.

     

    Alte Stenogramme - eine typische Anfrage und eine typische Antwort

     

    Immer wieder erhalten wir E-Mails, die der nachfolgenden sehr ähnlich sind. Dies soll Anlass sein, die hier gestellte Frage grundsätzlicher zu beantworten, um so vielleicht dem einen oder anderen schon einige erforderliche Grundlageninformationen zu geben.

     

    Hier zunächst die Anfrage:

     

      Hallo,

       

      ich möchte eine Stenoseite in "Klarschrift" übersetzen.

       

      Gibt es so etwas wie eine Übersetzungshilfe o. ä. als pdf-datei?

       

      Besten Dank im Voraus.

     

    Nachfolgend unsere Antwort:

     

      Hallo,

       

      das ist leider nicht so einfach. Steno weist ein anderes Grundprinzip auf als die lateinische Schrift. Steno ist auch nicht (wie z. B. die kyrillische oder griechische Schrift) ein System, in dem für einen Laut im Prinzip ein(e) Buchstabe(nfolge) geschrieben wird. Was man vielleicht aus dem Urlaub kennt mit einer Übersetzungstafel wird Buchstabe für Buchstabe umgesetzt, und schon kann man in Griechenland ein Schild entziffern –, funktioniert in der Stenografie nicht. Man kann nicht einfach eine stenografische = kurzschriftliche Zeichenfolge gegen langschriftliche Buchstabenformen austauschen.

       

      Die üblicherweise in Deutschland verwendeten Stenografiesysteme setzen sich aus speziellen Zeichen zur Darstellung von Lauten, Silben, Wortteilen und Wörtern zusammen. Nur so ist es möglich, dass die Stenografie eine derart hohe Informationsdichte und Effizienz besitzt. Stenografische Zeichen können frei miteinander kombiniert werden. Auch der Art der Verbindung dieser Zeichen kommt besondere Bedeutung zu. So werden in vielen Systemen z. B. Selbstlaute (Vokale) gar nicht geschrieben, sondern nur an vorausgehenden oder nachfolgenden Mitlautzeichen symbolisiert. Hinzu kommen in höheren Systemstufen noch ausgefeilte Regeln, nach denen bestimmte Zeichen weggelassen werden können.

       

      Wenn Sie Pech haben, handelt es sich um ein altes Stenographiesystem (das unter Umständen nicht mehr viel mit dem heutigen zu tun hat) oder um ein ausländisches. Es ist also leider nicht ganz so einfach.

       

      Wenn das Material wichtig für Sie ist, so mailen Sie uns doch bitte eine (Muster-)Seite in Form eines gescannten Bildes. Dann können wir feststellen, um welches Kurzschriftsystem es sich handelt. Vielleicht reicht diese Information für Sie aus, um sich an einen Kurzschriftkundigen in Ihrem Bekanntenkreis zu wenden. Sollte das nicht gelingen, können wir Ihnen jemanden vermitteln, der Ihnen den stenografischen Text in Langschrift übersetzt. Leider wird eine solche Übersetzung kaum kostenfrei zu machen sein.

       

      Wir hoffen, dass Ihnen diese Information weiterhilft. Für weitere Fragen stehen wir gern zur Verfügung.

     

    Dr. Bernd Bäse

     

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